Corona-Kommunikation 1: Maximierung der Sterbefallstatistik

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zog im November 2020 einen drastischen Vergleich: „Die Todeszahlen sind aktuell so hoch, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen.“ (1). Das macht deutlich, dass die Sterblichkeit als ganz entscheidendes Mittel angesehen wird, um der Bevölkerung die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus zu vermitteln.

Bei der Interpretation der täglichen Sterbefallmeldungen ist zu berücksichtigen, dass diese sich auf den Meldetag und nicht auf das Sterbedatum beziehen. Dem Medienkonsumenten wird aber suggeriert, dass es sich um die Covid-19-Sterbefälle vom Vortag handelt. Die Sterbefälle können aber Tage bis mehrere Wochen zurückliegen. Das aber erschwert Trendbetrachtungen beträchtlich. Ein weiteres Problem betrifft die Regel, nach der Covid-19-Tote gezählt werden. Was bedeutet „an und mit COVID-19 Verstorbene“? Laut RKI ist hier der RT-PCR-Test entscheidend. Ein Verstorbener mit positivem Testbefund – offenbar egal, wann der Test durchgeführt wurde – zählt als Covid-19-Toter. Ist diese Regel sinnvoll?

Dazu ein Blick auf eine andere Viruserkrankung. In Deutschland erkrankten bis zur Einführung einer Impfung im Jahr 2004 im Durchschnitt jährlich etwa 750.000 Kinder an Windpocken, die durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht werden. Die Viren verbleiben danach lebenslang im Körper und können nach ihrer Reaktivierung bei Erwachsenen Gürtelrose verursachen. An Gürtelrose erkrankten in Deutschland in den Jahren 2007 und 2008 etwa 300 000 Personen. Schätzungsweise starben daran pro Jahr ungefähr 60 Erkrankte. Das sind nicht viele Sterbefälle. Allerdings, würde nach der Logik des RKI bezüglich der COVID-19-Sterbefälle verfahren, änderte sich das Bild dramatisch. Denn nach Angaben des RKI sind 99 Prozent der deutschen Bevölkerung mit dem Varizella-Zoster-Virus infiziert (4). Somit sterben 99 Prozent der Deutschen (irgendwann) „mit dem Virus“.

Abschließend noch ein Wort: Der Tod lässt sich nicht vermeiden. Unglücklicherweise sterben wir alle. Es gibt also nicht zusätzliche Tote durch die Pandemie, sondern Menschen sterben vorzeitig. Deswegen wäre es angemessener, auch in Bezug auf Covid-19 von vorzeitigen Sterbefällen zu sprechen, wobei die Vorzeitigkeit an der Restlebenszeiterwartung der Verstorbenen zu messen ist. Dazu hat das RKI einen ersten Schritt gemacht (2).

(1) BILD vom 21.11.2020. Online unter https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/corona-gipfel-soeder-vergleicht-Todeszahlen-mit-flugzeugabsturz-74134438.bild.html.

(2) https://www.aerzteblatt.de/archiv/217880/COVID-19-Krankheitslast-in-Deutschland-im-Jahr-2020

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