Risikodiskurse im postfaktischen Milieu

Wie sollte man Risiken kommunizieren? Eine kurze Antwort wäre: Korrekt, verständlich und nützlich, um den Adressaten eine wissensbasierte Bewertung des Risikos zu ermöglichen. Und zwar bei denen, die es wissen wollen oder zumindest wissen sollten. Noch einfacher gesagt: Die Risiko-Information hat korrekt zu sein. Die Risiko-Information muss auch verstanden werden. Und die Information hat auch nützlich zu sein. Der Empfänger muss damit auch etwas anfangen können.

Ich will im Folgenden nur die Korrektheit von Risikoinformationen in den Mittelpunkt stellen, da sie zentral ist. Worum geht es, wenn es um die Korrektheit der Risikoinformation geht? Auf den Mobilfunk angewendet heißt das, Stellung zu nehmen zu zwei Fragen: (1) Gibt es ein Risiko und um welches handelt es sich? und (2) Wenn ja, wie groß ist das? Erst dann kann man vernünftig entscheiden, was zu tun wäre, um zu schützen.

Auf die erste Frage “Gibt es ein Risiko?” ist die Antwort im bestmöglichen Tweet-Stil: “Möglicherweise”, wenn es um Hirntumore geht. Und diese Einschätzung ist nicht einmal sicher. Um es mit Luhmann, einem berühmten Soziologen, zu sagen. Die Sache ist kontingent. Über Kontinenz sagt Luhmann: “„Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist, sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Volksmund würd dazu sagen, nichts Genaues weiß man nicht. Deshalb kann man auf die Frage nach der Größe des Risikos nur eine hypothetische Antwort geben. Denn wir bewegen uns im Reich der Möglichkeiten.  Damit wäre auf die Frage, was man tun sollte, um sich zu schützen, eine Gegenfrage angemessen: Warum sollte man sich vor einem Risiko schützen, das nur in der Möglichkeit existiert? Kann man tun, muss man aber nicht.

Soweit die Theorie. Die ist zwar – wie immer – im Prinzip richtig, bringt aber in vielen Fällen nichts. Denn die Wirklichkeit ist keine Volkshochschule. Und damit meine ich: Wir leben – zumindest in Bezug auf die Risikokommunikation – in einem postfaktischen Zeitalter. Entscheidend sind Gefühle und Stimmungen, nicht wissenschaftliche Evidenz, nicht Fakten und Daten, wenn es um die gesellschaftliche Entscheidung geht, ob etwas ein Risiko ist oder nicht. Das ist aber nicht deswegen so, weil die Menschen in unserer Gesellschaft angeblich nur noch Infotainment mögen und Aufklärung und die damit erforderliche Anstrengung des Verstandes wie der Teufel das Weihwasser vermeiden, sondern eben vor allem wegen des – ich will es hier einmal so nennen – populistischen Diskurses über Risikofragen.

Um welchen Populismus geht es? Und wie konfiguriert er sich bei der Risikokommunikation zum Mobilfunk? Die Antwort in Kurzform: Es geht um Moralisieren, um Diskreditieren und um Pauschalieren, manchmal auch, und das ist der worst case, um Verschwörungstheorien.

Zuerst zum Moralisieren in der Risikokommunikation. Moral zieht eine Grenze zwischen Gut und Böse. Sie markiert das Helle gegen das Dunkle. Die Aufrechten gegen die Schurken. Und Moral braucht keine wissenschaftlichen Argumente, sondern bestenfalls Vorurteile. Die Guten in der Debatte um die Risikofrage  sind die Warner und die potenziellen Opfer. Die Bösen, das ist die Industrie und deren willige Helfer. Somit ist jede Risiko-Warnung moralisch. Jede Position, die davon abweicht und gar Risiko-Entwarnung gibt, steht unter dem Vorwurf, unmoralisch zu sein. Jedenfalls, wenn es um den Mobilfunk geht. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man aber vor Moralisieren  bei der Risikokommunikation warnen. Das Moralisieren von Positionen macht Debatten zu unversöhnlichen Konflikten. Denn über Moral kann man nicht streiten. Wissenschaft wird so überflüssig. Wer aber auf Vernunft und auf einen rationalen Diskurs setzt, muss deshalb die moralische Rede tunlichst vermeiden.

Populismus in der Risikokommunikation arbeitet aber nicht nur mit Moralisieren. Eine weitere Kommunikationsfigur ist das Diskreditieren. Der unter Verdacht stehende Risikoträger, zum Beispiel eine Höchstspannungsleitung, wird zum Angstobjekt gemacht. Das Rezept ist so simpel wie wirksam: Konzentriere Dich auf die Studien, die auf ein Risiko deuten und ignoriere, wenn nötig, die mangelnde wissenschaftliche Qualität solcher Studien. Zuerst kommt also die Position “Das ist kreuzgefährlich!” und dann die Auswahl der wissenschaftlichen Evidenz.

Ich komme nun zum letzten Punkt, dem Pauschalieren bei der Risikokommunikation. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Tochterorganisation der WHO, hat 2011 die hochfrequenten elektromagnetischen Felder, die auch der Mobilfunk nutzt, als “möglicherweise krebserzeugend” bewertet. Dabei geht es um Hirntumore.  Sind diese nun durch alles und jedes bedingt, was hochfrequente elektromagnetische Felder emittiert? Neben dem Handy, auch durch den Router, das iPad und andere kabellose Geräte mit Kommunikationsfunktion? Nein, das ist nicht der Fall. Es geht allein um die Handys. Die IARC weist in ihrer Presseerklärung von 2011 darauf hin, dass nur die Handy-Exposition eine Bewertung zulässt. Für Basisstationen gibt es gar keine Daten, die eine Einordnung als “möglicherweise krebserregend” rechtfertigen würden. Und selbst in Bezug auf das Handy wäre zu differenzieren. Schaut man sich den Datensatz der Interphone-Studie an, die maßgeblich für die IARC Bewertung ist, so fallen einige Besonderheiten auf. Eine durchschnittliche Nutzung des Handys führt nicht zu einem erhöhten Tumorrisiko. Und noch erstaunlicher ist es, dass eine moderat erhöhte Handnutzung das Tumorrisiko verringert. Es ist eben alles etwas komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Damit will ich nicht sagen, dass es keinerlei Risiken geben könnte. Risiken kann man prinzipiell nicht ausschließen. Aber diese Tatsache sollte nicht als Risiko-Argument allein für den Mobilfunk genutzt werden. Sie gilt grundsätzlich, immer und überall.

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