Nachhaltigkeit – ein missverstandener Begriff

Nachhaltigkeit: Ein missverstandener Begriff

Kaum ein anderer Begriff unserer Zeit ist so von einhelliger Zustimmung umzingelt, wie die Nachhaltigkeit. „Nur Gutes“, stellt Peter Wiedemann deshalb auch gleich zu Beginn unseres Gesprächs fest, bedeute der Begriff für die Menschen unserer Zeit. Die sanfte Ironie, die dabei mitschwingt, muss man allerdings mitlesen. Nur Gutes?

Da kann doch was nicht stimmen… Ein klärendes Gespräch dazu mit Prof. Dr. Peter Wiedemann, geführt von Gernot Wüschner.

Was versteht man als gemeiner Mensch unter Nachhaltigkeit?

Nur Gutes. Es ist einer der leuchtenden Begriffe dieser Zeit. Nachhaltigkeit ist Weg und Ziel zugleich. Sie gibt  die Richtung vor auf  etwas, was alle wollen. Nachhaltigkeit  hat die Errichtung eines Öko-Paradieses als letztes Ziel. Das ist, glaube ich, Konsens. Aber damit hört es dann auch schon auf, weil die verschiedenen Akteure und Gruppierungen dieser Gesellschaft offenbar kein gleiches Verständnis von Nachhaltigkeit haben und zweitens auch verschiedene Wege sehen, wie sie zu erreichen ist. Zum Banner „Wir tun Gutes“ stehen wir alle.

Die breiteste Definition wird wohl sein, dass es um ein langfristig angelegtes Handeln geht?

Ja, Nachhaltigkeit hat immer eine Zeitperspektive. Das nachhaltig agierende Unternehmen, das sich für längere Zukunft am Markt sieht, ist dafür ein Beispiel.

Also Nachhaltigkeit in dem Sinne: Wir wollen so wirtschaften, dass wir uns nicht zugrunde wirtschaften. Gleiches gilt für die Gesellschaft, die eine nachhaltige sein will. Motto: Wir wollen nie zugrunde gehen; eben der Traum vom ewigen Leben.

Bedeutet Nachhaltigkeit nicht auch die Bereitschaft zur Beschränkung?

Mitgedacht ist das natürlich. Es lassen sich drei Nachhaltigkeitsmodelle unterscheiden. Zunächst einmal das Wirtschaftsmodell. Es ist zweitens ein Gesellschaftsmodell. Und es ist drittens das Modell für eine bestimmte Lebensweise. Das alles wirkt zusammen. Beschränkung betrifft alle drei erwähnten Modelle. Wobei ich anmerken möchte, dass wir uns das Wirtschaftsmodell von der Forstwirtschaft abgeschaut haben. Jedenfalls wird dieser Bezug mit seiner selbst auferlegten Beschränkung gerne zitiert: Man soll nicht mehr Bäume schlagen als nachwachsen. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die nachhaltige Forstwirtschaft erst dann Realität wurde, als man das Holz nicht mehr in dem Ausmaß brauchte, weil man auf einmal auf die fossilen Brennstoffe zurückgreifen konnte, auf die Kohle …

Die Beschränkung wurde durch die fossile Energiealternative erst möglich?

„Wir verzichten“ ist ein Vorsatz, der angesichts dringlicher Ziele schnell vergessen ist. Da ist es gut, einen Weg zu finden, der unsere moralische Stärke nicht ganz so unerbittlich auf die Probe stellt. Moral hilft nur so lange, wie das Fleisch nicht schwach wird.

Wenn man die forstwirtschaftliche Nachhaltigkeit heute betrachtet, dann scheint sie unerbittlich an die Anti-Wachstums-Idee gebunden zu sein. Mehr Holz, als auf der bestehenden Waldfläche nachwächst, gibt es nicht.

„Wir wollen nachhaltig werden“, heißt im Grunde ja: Lasst uns sparen, lasst uns unseren ökologischen Fußabdruck reduzieren. Die Spuren, die wir auf dieser Erde hinterlassen, sollen minimiert werden. Wir wollen weniger „Eindruck“ machen. Das ist die Beschränkung. Wie die Entwicklung dann aussieht, scheint weniger klar zu sein.

Können wir mit weniger mehr erreichen?

Alle Technologien, die man einsetzt, um mit weniger mehr zu erreichen, stellen uns vor die Frage, ob das, was sie leisten, auch wirklich reicht. Nach dem Motto „Wie wäre es mit dem 3-Liter-Auto? Aber wäre ein 2-Liter-Auto nicht besser und ein 1-Liter-Auto nicht noch besser?“ Und dann die entscheidende Frage: Oder gar kein Auto? Sollte sich das Leben nicht besser im Kopf abspielen und nicht auf der Straße? Zugespitzt heißt die Frage dann auf einmal: Mobilität oder Mediation?

Bei der Sonnenenergie deutet sich ein paradiesischer Hoffnungsschimmer an. Wenn Desertec in der Sahara produziert, haben wir eine nie versiegende Quelle. Ist es dann vorbei mit der Energieknappheit?

In der Tat, das ist die Frage: Gelingt der Ingenieurskunst die Quadratur des Kreises? Können wir nachhaltig leben, ohne verzichten zu müssen? Kaufen wir uns nicht andere Nachteile damit ein? Verschieben wir nur die Probleme? Indem wir den Mittelmeerraum und den halben afrikanischen Kontinent überwachen müssen, um damit die Energiezufuhr zu sichern? Mit einer ähnlichen Denkfigur hat ja vor Jahren der Philosoph Meyer-Abich über den Atomstaat räsoniert. Er glaubte, dass die Demokratie durch die pure Existenz der Atomkraftwerke beschädigt wird. Denn der Schutz vor Terrorismus würde zwangsläufig diese Republik zu einem feudalen Festungsstaat machen.

Wie organisiert man Nachhaltigkeit?

Hier geht es um das Gesellschaftsmodell, das ich anfangs erwähnt hatte. Denn Nachhaltigkeit ist ja nicht nur eine Frage der Minimierung des Stoffwechsels mit der Natur. Wie ich solche Prozesse gesellschaftlich gestalte, ist ja noch offen. Welche gesellschaftlichen Bedingungen brauche ich dazu? Geht es am besten mit einer Ökodiktatur? Oder hilft ein aufgeklärter Monarch? Oder ein Vielparteienstaat?

Muss das technokratisch organisiert werden, kann es basisdemokratisch sein?

Bis heute gibt es darauf keine klaren Antworten. Natürlich wünscht sich keiner eine Diktatur. Aber viele der Vorschläge sind Nirwana-Modelle. Man hofft sich die Zukunft schön.

Die nachhaltige Versorgung mit Energie bringt also Risiken ins Spiel?

Risiken sind im Grunde unvermeidbar. Das gilt immer, auch für die Energie-versorgung. Man kann es drehen und wenden wie man will, auch Nachhaltigkeit kann die prinzipielle Risikolastigkeit nicht aufheben. Durch Wünschen und Wollen lässt sich eben kein Risiko vermeiden. Es kommt deshalb immer darauf an, die Option zu wählen, die die geringsten Risiken aufweist. Man könnte dagegenhalten und meinen, dass das Zurückschrauben von Ansprüchen und Bedürfnissen – Meditieren statt Konsumieren – einen Ausweg bietet: Wer nichts will, der geht auch keine Risiken ein.  Aber ist das so? Meines Erachtens hängt das von der vorhandenen materiellen  Ausstattung ab. Im Eigenheim meditiert es sich besser als im Zeltlager. Um es ganz deutlich zu machen: Fasten ist keine Ernährungsgrundlage, jedenfalls nicht auf Dauer.

Die Risikobereitschaft, die bisher bei der Energieversorgung immer dazugehörte, wurde in den letzten Jahren erheblich strapaziert. Stichwort: Bohrturmdrama im Golf von Mexiko oder die Atommeiler von Fukushima. Beides – Erdöl und Atom – galten einmal als nie endende Energiequellen …?

Die vielen Ingenieure, die angetreten sind, um etwa die Kernkraft auf den Weg zu bringen, haben fest daran geglaubt, dass sie wirklich Gutes für diese Welt tun. Die müssen von dieser Welle des Protestes und der Empörung, die über sie hinwegrollte, völlig erschüttert worden sein. Es war ja auch wirklich eine unglaubliche Euphorie, die die damals angestrebte friedliche Nutzung der Atomenergie begleitet hat. Aber auch die karbonfreie Gesellschaft, die heute propagiert wird, ist wiederum das Paradiesische.

Die Verbindung von Nachhaltigkeit und Innovation war rückblickend gesehen immer eine mehr oder weniger riskante. Ist das bei den erneuerbaren, schadstoffarmen Energien vorbei?

Früher schien die Idee von grenzenloser Energie-Verfügbarkeit durch Atomkraft gesichert. Heute stehen Sonne, Wind etc. an ihrer Stelle. Aber die Frage der Risikolosigkeit ist damit nicht gelöst. Dort, wo nicht mehr nur Nachhaltigkeit werden, sondern auch noch Entwicklung sein soll, dort kommt immer Risiko ins Spiel. Wenn ich die Dinge nicht so behalten will, wie sie sind, wenn ich neue Horizonte setze, wenn ich neue Wege gehen will, dann gehe ich immer in das Ungewisse hinein, das ich noch nicht verstehe, dessen Folgen ich noch nicht kenne. Das heißt, ich kann heute nicht wissen, was ich zukünftig wissen werde. Wohl aber kann ich versuchen, die möglichen Folgen zu bedenken. Und die können eben auch negative sein. In diesem Sinne ist Risiko ein Erwartungskonzept, das jede Entwicklung begleiten sollte.

Welchen Einfluss auf die Qualität des Risikos hat der Kontext der Nachhaltigkeit?

Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass im Kontext der Nachhaltigkeit das Risiko keinen Platz hat. Jedenfalls nicht in der Binnenperspektive der Nachhaltigkeits-Ideologie. Dort wird ja gefordert, nur Entwicklungen einzugehen, die nachhaltig sind. Nach dem Motto: Wir prüfen das, wir haben entsprechende Roadmaps, wir haben begleitende Forschung, wir entwerfen Technologien so, dass die neue Entwicklung von vornherein nachhaltig ist. Das ist der Plan.

Ein Plan, der viel Zustimmung erfahren wird …

Natürlich ist es ein wunderbarer Plan, das ist doch keine Frage. Wer will sich denn gegen einen solchen Plan stemmen und sagen, wir brauchen Störfälle? Aber das, was man erhofft, ist noch lange nicht das, was sich einstellt. Es gibt von Wolf Biermann ein Stück, das heißt „Der Dra-Dra“, und es gibt hier ein Schwein, das sich in einem aussichtslosen Kampf für Niederlagen ausspricht. Das verstört die übrigen Tiere zutiefst. Und dann sagt das Schwein: Es geht um kluge Niederlagen; Niederlagen, deren Ursachen man ergründen kann. Nur die bringen weiter. Auch kluge Risiken können die Entwicklung voranbringen. Wenn wir jetzt auf nachhaltige Entwicklung zurückkommen, dann ist natürlich der Plan, alles zu bedenken, erst einmal ein guter Plan. Es kann aber schiefgehen, und hin und wieder ist das unausweichlich. Jetzt komme ich mit Brecht und sage: „Ja, mach nur einen Plan und sei ein kluges Licht und mach noch einen zweiten. Gehn tun sie beide nicht!“ Die Möglichkeit des Scheiterns ist nicht auszuschließen, auch bei guten und klugen Plänen. Und das muss man einfach mitbedenken. Das Risiko bleibt Bestandteil. Es kommt zurück, es lugt in einer gewissen Weise hinter dem klugen Plan arglistig hervor, um sich in Szene zu setzen.

Ich spiele jetzt auch mal das Kluge-Niederlagen-Schwein und sage, lass uns doch alle gemeinsam schön arm werden, aber sagen wir – ärmer, als wir jetzt sind. Es muss ja nicht immer höher, schneller, weiter gehen. Es könnte doch alles nur auf den Erhalt ausgerichtet sein.

Schwerlich – diesen defensiven Vorstellungen kann ich keinen Charme abgewinnen. Dazu fällt mir ein Bild ein, das mir bei der Lektüre der Zeitgeistpresse hängen geblieben ist. Der Kapitalismus wird dort mit einem Radfahrer gleichgesetzt, der immer weiterfahren muss, sonst fällt er um. Kapitalismus braucht Bewegung, braucht Dynamik. Er kann nicht stehen bleiben.

Ein Nachhaltigkeitsmodell, wie das der Forstwirtschaft, sitzt nicht auf einem solchen Fahrrad. Es ist ein statisches Modell, in dem sich Risiken abbauen lassen.

Der Wald ist die Wiederkehr des Gleichen. Was vorher Buche war oder Eiche oder Fichte, wird wieder Buche, Eiche oder Fichte; da kommt kein Wunderbaum hervor, es wird auch kein Hase daraus. Das ist Kreislaufwirtschaft vom Besten, eben der Tritt auf der Stelle. Da bewegt sich alles im Kreise.

Wahrlich kein dynamisches, ein sich aus sich heraus bewegendes Modell?

Nein. Entwicklung heißt ja auch Innovation und Innovationsfluss. Das ist ja das, was den Radfahrer in der Bewegung hält. Wir sind eben immer unterwegs nach dem Neuen. Und damit sind nicht nur die Technologien gemeint, die Kinder der alten sind, sondern es kommen auch sehr radikale Veränderungen, auf die wir auf unserer Tour durch die Zeit stoßen. Wie war es denn vor 20 Jahren ohne Internet und ohne Handys? Hätten wir uns damals vorstellen können, wie Kommunikation heute ist? Da ist doch etwas passiert, das so nicht vorhersehbar war: Es gibt keine gesellschaftliche Vernunft, die alles überschaut; keinen noch so guten Plan, der alles voraussieht. Auch nicht für die Risiken, die mit Umbrüchen verknüpft sind. Aber sollte man deswegen vom Fahrrad steigen?

Nein, aber vielleicht könnte man sich doch das Prinzip der Nachhaltigkeit, das wir in den deutschen Wäldern gefunden haben, mitnehmen und auf den Gepäckträger schnallen.

Mein Plädoyer ist Folgendes. Die Risikobehaftung zukünftiger Entwicklung ist zwangsläufig, gleichgültig, ob wir nun die Augen davor verschließen oder nicht. Immer, wenn eine Wahl ist, etwas zu tun oder zu lassen, werden Risiken bewirkt, jenseits unseres Willens, diese Sachlage anzuerkennen oder nicht. So bleibt allein die Einsicht: Welche Art von Progression in die Zukunft, begleitet von welchen Risiken, brauchen wir? Wie gestalten wir das Eingehen von Risiken? Welche Wachttürme benötigen wir, um den Zukunftshorizont zu erweitern?

Die uns sagen, welche Risiken uns zu weit aus dem Thema Nachhaltigkeit heraustragen?

Sie sprechen mit dieser Frage den Risikoappetit an, den eine Gesellschaft hat. Tatsächlich kann man sich – um im Bild zu bleiben – da schwer den Magen verderben. Da kommt man unwillkürlich auf die Idee – die in unserer Zeit nicht sonderlich gemocht wird – , dass die guten Dinge in der Mitte liegen. Das Maß der Dinge, die Balance, die man haben muss, ist im Kult der plakativen Positionierung und Übertreibung gesellschaftlicher Ideen verloren gegangen. Um nur ein – wenngleich ganz anderes Beispiel zu nennen: Unter Exzellenzcluster geht heute in den Universitäten nichts mehr. Das hat auch nicht gewollte Nebeneffekte! Das Rennen um Exzellenz führt nicht nur zu Verlierern, sondern auch zu Blendern. Wenn man anders mit Risiken umgehen will, muss man über eine Haltung nachdenken, die sich zum Mittelmaß bekennt.

Das passt zum Bedürfnis der Entschleunigung …

… ganz richtig, wir müssen die Dinge langsamer angehen, auch um mehr Zeit zu haben zum Überlegen. Um in der Metaphorik des Risikoappetits zu bleiben: Wir müssen unseren Appetit zügeln und auf Leckerbissen warten. Zu großer Risikoappetit verdirbt den Magen, zu wenig davon kann zum Verhungern führen. Risiko und Nutzen sind miteinander gekoppelt. Dabei gibt es offenbar ein optimales Gleichgewicht. Ähnliches gilt auch für Nachhaltigkeit und Risiko. Um diese Balance zu finden, bräuchten wir eine neue Mentalität, die dem Nachhaltigkeitskitsch abschwört und versucht, eine risikofeste Nachhaltigkeit zu denken.

Es geht um eine optimale Geschwindigkeit, die unser kapitalistisches Fahrrad am Laufen hält, aber nicht schneller, als es laufen muss

… wie kriegen wir diesen optimalen Punkt? Wer zu schnell beschleunigt, gerät auch unter die Räder, wie man allenthalben sehen kann. Wer aber gar nichts tut, kommt nicht von der Stelle. Sie sehen, das hat mit der Unausweichlichkeit von Risiken tun. Das ist der Grundgedanke, den wir auch akzeptieren müssen, wenn es um Nachhaltigkeit und damit Eintritt in eine bessere Zeit geht. Es wird nie ohne Stolpern gehen. Das muss man sehen. Das Stolpern muss eingerechnet werden, das ist wichtig. Nur wer stehen bleibt, stolpert nicht.

Die Versicherer gehen den Risikoweg ja auf ihre Weise, rein ökonomisch. Sie beteiligen sich weniger am Hochriskanten und umso mehr an dem Wenigriskanten. Dazu kommt dann das Prinzip der Risikostreuung.

Wir begeben uns jetzt wieder auf die Suche nach dem rechten Risikopfad. Das heißt, Versicherungen ermöglichen Risiken. Alles ist eine Frage der Risikoprämie. Bin ich versichert, kann ich mehr riskieren. Falls mir dann doch etwas passiert, kann ich wieder aufstehen.

Die Versicherung unterstützt das unternehmerische Wagnis?

Ja. Der Unternehmer auf dem Seil weiß unter sich ein Netz, das ihn auffängt. Leichte Blessuren sind immer noch möglich, aber fatale Folgen sind weitgehend ausgeschlossen.

Indem der Versicherer unternehmerische Wagnisse abdeckt, wird er doch automatisch ein Risikobeschleuniger. Wie kann er denn dann noch für sich in Anspruch nehmen, Nachhaltigkeit zu unterstützen?

Man bräuchte eine Anleitung, die sagt, wo das Sicherheitsnetz zurückgezogen werden sollte und wo es aufzuspannen wäre. Darum geht es. Um bei der Fahrräderei  zu bleiben: Wo sollte ich beschleunigen? Und wo auf die Bremse treten? Hier wäre ein echter Bedarf an Nachdenken und Kommunikation. Was findet man stattdessen?

Nachhaltigkeitskitsch! Das öffentliche Gerede über Nachhaltigkeit gleicht manchmal einem Gartenzwerg, der vor einer Güllegrube steht. Nachhaltigkeit soll die Welt nur schöner scheinen lassen. Dann gibt es keine Widersprüche, keine Ecken und Kanten; nur geistig leicht verdauliche Kost und die Absolutsetzung des Gutgemeinten .

Wir fassen uns an den Händen und hoffen, dass nun alles gut wird. Es ist wohlgemerkt nichts Falsches, sich Gutes zu wünschen. Aber ein falscher Optimismus kann schaden, wenn das Wünschen zu kurz greift und Schein-Lösungen generiert, an denen man klebt. Und dieser Optimismus-Fehler macht uns in einer gewissen Weise blind für die Herausforderungen, die wir noch zu bewältigen haben. Er macht töricht.

Erliegen Versicherungen dem Nachhaltigkeitskitsch nicht auch, wenn sie sich überbemüht an der Klimaproblematik „abarbeiten“?

Das Klimathema ist für manche Versicherungen in der Tat ein Sprachrohr zur Gesellschaft. Aber die ideologisch korrekte Rhetorik „Wir bauen unsere Häuser klimaoptimiert, nutzen Sonnenenergie und nennen es Nachhaltigkeitsprogramm“ hilft nicht wirklich. Wenn es das Einzige ist, was Versicherungen zu verkünden haben, dann ist das zu wenig. Auch das Zusammenrechnen von Naturkatastrophen, die dann dem Klimageschehen zugerechnet werden, reicht nicht aus. Versicherungen werden damit ihrer Aufgabe als Risikosteuerer nicht gerecht. Sie sollten auf das aufmerksam machen, was wir abwägen sollten, um einen vernünftigen Risikokurs zu halten.

Wenn es kein letztgültiges Risiko-Nachhaltigkeits-Gesetz gibt und wir uns mit Aristoteles und seiner „goldenen Mitte“ begnügen müssen, geht dann den Versicherern nicht der Stoff aus?

Man kann den Blick nach vorn richten. Das wäre die Erkundung der Zukunft. Etwa wie jetzt bei der Euro-Rettung. Was wäre hier der rechte Risikopfad? Was risikofeste Nachhaltigkeit? Aber: Können wir weiter vorausschauen, als wir bislang konnten? Ich würde mir wünschen, dass die großen Rückversicherungen einmal ihre Kapazitäten bündeln, um Risiko-Szenarien zu entwickeln, die die Wege zu einer nachhaltigen Gesellschaft ausleuchten. Was hindert sie eigentlich daran?

Da müssen Sie aber nicht zur Rückversicherung gehen, da können Sie gleich die Politik fragen.

Richtig, aber hatte die westdeutsche Politik auf Vorrat gedacht, als die deutsche Wiedervereinigung vor der Tür stand? Hatte man Pläne, wie man die Wirtschaft im Osten transformieren sollte? Wusste man 1989, wie man die Währungsunion am besten macht? Oder ist Politik vorangestolpert? Vorausdenken ist das, was ich anmahne. Das ist nicht das Primat der Politik. Das zweite Beispiel: Die deutsche Politik ist doch von den Ereignissen in der arabischen Welt überrannt worden. Man hat doch mit allem gerechnet, aber nicht damit, was dort passierte. Müssen wir nicht die Instrumentarien des Vorausblickens verbessern? Müssen wir nicht bessere Brillen haben für die Zukunft? Ich glaube, dass die Rückversicherungen hier eine Aufgabe haben.

Wo ist der Punkt in der Nachhaltigkeitsthematik, wo wir sagen, hier müssten wir eigentlich drehen? Wo ist der eigentliche Tipping Point?

Meines Erachtens geht es dabei eher um mentale als um materielle Aspekte. Also, nicht so sehr um die Frage „Wo reduziere ich Stoffströme?“, sondern darum: Wie verändere ich gesellschaftliche Haltungen? Wir hatten die Idee des rechten Risiko-pfades schon diskutiert. Wie kann eine Gesellschaft die Balance zwischen notwendiger Risikoneigung, schöpferischem Umbruch und Bewahren halten? Das wäre ein solcher Dreh- und Angelpunkt.

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