Sarrazin und das wahrgenommene Risiko

Der mediale Rummel um Sarrazin´s Buch zeigt nicht nur auf, dass so manche Politikschaffende in einer Parallel-Gesellschaft leben und kaum noch erkennen, wo in der Lebenswelt der Schuh drückt. Der Rummel ist auch ein Lehrstück für den Umgang mit der Risikowahrnehmung.

Die Psychologie weiß, dass Risiko und Risikowahrnehmung oft auseinander fallen. Oder wie Peter Sandman (1987) tref­fend formulierte: „The risks that kill you are not necessarily the risks that anger and frighten you“. So ist für viele Menschen Gentechnik in Lebensmitteln schlimmer als Fastfood und Handys riskanter als Sonnschein, obwohl das nicht den wissenschaftlichen Einsichten entspricht.

Das kümmert aber wenig, wenn es gilt, Politik zu machen. Dann ist oft richtig, was nützlich ist. Und weiter: Diejenige Risikowahrnehmung ist falsch und schief, die für eigene Ansichten nicht zweckdienlich ist. Für die einen sind so die Ängste der Bevölkerung bezüglich Gentechnik ernst zu nehmen, die Fremdenangst aber nicht. Für die anderen gilt das Umgekehrte. Beide Auffassungen sind aber inkonsistent. Entweder hält man es mit den Fakten oder eben nicht..

Zurück zu Sarrazin’s Buch und der Risikowahrnehmung bezüglich islamischer Migranten. Zur Erinnerung, 62% der Befragten einer Emnid-Umfrage vom September 2010 in Deutschland stimmen der Auffassung zu, dass Thilo Sarrazin mit seinen Äußerungen über Migranten berechtigte Denkanstöße gibt. Offenbar nimmt die Bevölkerung bezüglich türkischer, kurdischer und arabischer Mitbewohner Risiken wahr. Die sind umso ausgeprägter,  je stärker sie auf  Erfahrung beruhen. Und hier reicht ein einziger Fall und die Falle schnappt zu. Wer in Berlin Neukölln  schlechte Erfahrungen mit der Integration macht, ist von seiner Meinung überzeugter als ein Mensch aus dem Berliner Nobelviertel Zehlendorf, der darüber nur die mediale  Meinung zur Kenntnis nimmt.

Wir sollten uns reiflich überlegen, ob wir Risikoängste instrumentalisieren. Sie können zwar in einem Fall nützen, im nächsten Fall aber schon beträchtlich schaden. Wer heute Islamophobie bekämpft, sollte morgen nicht unbedingt von den berechtigten Sorgen der Bevölkerung sprechen, wenn es um den Bau von Mobilfunk-Sendestationen oder um Nano-Produkte geht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.