Corona Kommunikation 2 Vorsorge als Alternativlos-Argument

Bei der Vorsorge geht es um die Vermeidung von Gefahren, genauer um die Antizipation einer möglichen Gefahr, eines Noch-Nicht-Ereignisses, das ein Schon-Jetzt-Handeln verlangt.

Erklärtes Ziel ist es, den Ernstfall gar nicht eintreten zu lassen. Auch die deutsche Politik begründet  in der Coronapandemie ihre Maßnahmen mit dem Vorsorgeprinzip. So betont Bundeskanzlerin Merkel: „Wir handeln aus Vorsorge für unser Land“. Und der bayerische Ministerpräsident Söder lässt in Bezug auf die FFP2-Maskenpflicht wissen: „Es geht um bestmögliche Vorsorge gegen ein mutiertes Virus.“

Ist es berechtigt, sich auf Vorsorge zu berufen? Wo ist der Haken? Und unter welchen Umständen gerät die Vorsorgeargumentation zur Carte blanche, mit der alles und jedes begründet werden kann?

Zuerst zum Kontext. Das Vorsorgeprinzip duldet – so könnte man argumentieren – keinen Handlungsaufschub, selbst dann nicht, wenn nur ein Gefahrenverdacht vorliegt. Gleichwohl gilt, dass ein begründeter Verdacht bestehen sollte. Dazu die EU-Kommission in einem Arbeitspapier: „Alles in allem geht es bei den nach dem Vorsorgegrundsatz getroffenen Maßnahmen letztlich darum, die Unsicherheit der wissenschaftlichen Beweisführung so gut es geht zu überbrücken. Die Entscheidung muss sich auf ein möglichst vollständiges, zuverlässiges, genaues und regelmäßig aktualisiertes Wissen gründen.“ Im Einzelnen werden u. a. folgende Kriterien genannt (1):

  • Die Auswahl, Entwicklung und Verwendung wissenschaftlicher Expertise für die Politikberatung sollen in einem offenen und allen zugänglichen sowie transparenten Prozess erfolgen. 
  • Die Pluralität der Expertise einschließlich der Einbeziehung von Perspektiven von wissenschaftlichen Minoritäten ist wesentlich. 
  • Die Qualität der Expertise, d. h. ihre wissenschaftliche Exzellenz sowie deren politische und soziale Relevanz, sind zu sichern.

Gemessen an diesen drei Kriterien ist die Evidenzbeschaffung der Bundespolitik in der Covid-19- Pandemie bislang verbesserungsbedürftig. Es ist unklar, welche Experten vom Bundeskanzleramt angehört werden und welche Auswahlkriterien dabei gelten. Einer entsprechenden Frage auf der Bundespressekonferenz vom 21. Januar 2021 wich die Bundeskanzlerin Merkel aus (2). Defizite betreffen insbesondere die Pluralität der Expertise. Das wissenschaftliche Meinungsspektrum wird nicht berücksichtigt, insbesondere werden keine Stimmen gehört, die dem Angstkonzert kritisch gegenüberstehen. Die Bundespolitik nimmt die Stimmen zur Kenntnis, die sie hören will.

Nun zur Qualität der Expertise: Diese leidet vor allem darunter, dass Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht systematisch evaluiert werden – auch wenn das nicht einfach ist. Somit sind Lernerfolge ausgeschlossen und Korrekturen fast unmöglich. Die Aufladung der ausgewählten Expertise als alternativlos, weil der Wissenschaft folgend, verstärkt den absoluten Wahrheitsanspruch.

Flankierend dazu finden sich in den Medien eine Grenzziehung zwischen moralisch integren und vermeintlich moralisch zweifelhaften Experten, nach dem Motto „Drosten in Ordnung, Streeck und Schmidt-Chanasit umstritten“. Jüngst war das im Spiegel nachzulesen (3). Damit wird eine, leider auch in der Wissenschaft verbreitete, problematische Tendenz auf die Spitze getrieben. Denn, wer mit den Befunden einer Studie unzufrieden ist, weil sie eigenen Überzeugungen widersprechen, kritisiert diese härter, als wenn die Befunde in das eigene Weltbild passen. 

Solche Kämpfe um die Deutungshoheit über die richtige Wissenschaft demonstrieren, dass es hier nicht mehr um Fakten, sondern um die identitätspolitische Vergewisserung geht, zu den moralisch Überlegenen zu gehören. Es geht um den rechten Glauben. Und jede Form von Häresie wird streng geahndet. Dafür ist natürlich nicht das Bundeskanzleramt zuständig, wohl aber Medien, die den Regierungskurs kritiklos unterstützen. Sind das aber nicht falsche Freunde?

 

(1) Report of the working group: Democratising expertise and establishing scientific reference systems, Brussels. Online unter https://web.archive.org/web/20120117060220/http://ec.europa.eu/governance/areas/group2/report_en.pdf. Siehe auch: European Commission (2004): Collection and use of expertise by the Commission. Principles and guidelines: improving the knowledge base for better policies. Online unter https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/5543a691-9f67-4f68-bf1b-28b522b35545/language-en/format-PDF/source-search.

(2) Bundespressekonferenz vom 21.1.2021. Online unter https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/mediathek/live-aus-dem-kanzleramt/bkin-bpk-gebaerdensprache-1841874!mediathek?query=.

(3) Kritisch dazu Marguier, A.: Gute Hetze, böse Hetze. Diffamierung von Wissenschaftlern. Cicero vom 23.1.2021. Online unter https://www.cicero.de/innenpolitik/diffamierung-drosten-streeck-schmidt-chanasit-spiegel-social-media

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Corona-Kommunikation 1: Maximierung der Sterbefallstatistik

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zog im November 2020 einen drastischen Vergleich: „Die Todeszahlen sind aktuell so hoch, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen.“ (1). Das macht deutlich, dass die Sterblichkeit als ganz entscheidendes Mittel angesehen wird, um der Bevölkerung die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus zu vermitteln.

Bei der Interpretation der täglichen Sterbefallmeldungen ist zu berücksichtigen, dass diese sich auf den Meldetag und nicht auf das Sterbedatum beziehen. Dem Medienkonsumenten wird aber suggeriert, dass es sich um die Covid-19-Sterbefälle vom Vortag handelt. Die Sterbefälle können aber Tage bis mehrere Wochen zurückliegen. Das aber erschwert Trendbetrachtungen beträchtlich. Ein weiteres Problem betrifft die Regel, nach der Covid-19-Tote gezählt werden. Was bedeutet „an und mit COVID-19 Verstorbene“? Laut RKI ist hier der RT-PCR-Test entscheidend. Ein Verstorbener mit positivem Testbefund – offenbar egal, wann der Test durchgeführt wurde – zählt als Covid-19-Toter. Ist diese Regel sinnvoll?

Dazu ein Blick auf eine andere Viruserkrankung. In Deutschland erkrankten bis zur Einführung einer Impfung im Jahr 2004 im Durchschnitt jährlich etwa 750.000 Kinder an Windpocken, die durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht werden. Die Viren verbleiben danach lebenslang im Körper und können nach ihrer Reaktivierung bei Erwachsenen Gürtelrose verursachen. An Gürtelrose erkrankten in Deutschland in den Jahren 2007 und 2008 etwa 300 000 Personen. Schätzungsweise starben daran pro Jahr ungefähr 60 Erkrankte. Das sind nicht viele Sterbefälle. Allerdings, würde nach der Logik des RKI bezüglich der COVID-19-Sterbefälle verfahren, änderte sich das Bild dramatisch. Denn nach Angaben des RKI sind 99 Prozent der deutschen Bevölkerung mit dem Varizella-Zoster-Virus infiziert (4). Somit sterben 99 Prozent der Deutschen (irgendwann) „mit dem Virus“.

Abschließend noch ein Wort: Der Tod lässt sich nicht vermeiden. Unglücklicherweise sterben wir alle. Es gibt also nicht zusätzliche Tote durch die Pandemie, sondern Menschen sterben vorzeitig. Deswegen wäre es angemessener, auch in Bezug auf Covid-19 von vorzeitigen Sterbefällen zu sprechen, wobei die Vorzeitigkeit an der Restlebenszeiterwartung der Verstorbenen zu messen ist. Dazu hat das RKI einen ersten Schritt gemacht (2).

(1) BILD vom 21.11.2020. Online unter https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/corona-gipfel-soeder-vergleicht-Todeszahlen-mit-flugzeugabsturz-74134438.bild.html.

(2) https://www.aerzteblatt.de/archiv/217880/COVID-19-Krankheitslast-in-Deutschland-im-Jahr-2020

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Risikodiskurse im postfaktischen Milieu

Wie sollte man Risiken kommunizieren? Eine kurze Antwort wäre: Korrekt, verständlich und nützlich, um den Adressaten eine wissensbasierte Bewertung des Risikos zu ermöglichen. Und zwar bei denen, die es wissen wollen oder zumindest wissen sollten. Noch einfacher gesagt: Die Risiko-Information hat korrekt zu sein. Die Risiko-Information muss auch verstanden werden. Und die Information hat auch nützlich zu sein. Der Empfänger muss damit auch etwas anfangen können.

Ich will im Folgenden nur die Korrektheit von Risikoinformationen in den Mittelpunkt stellen, da sie zentral ist. Worum geht es, wenn es um die Korrektheit der Risikoinformation geht? Auf den Mobilfunk angewendet heißt das, Stellung zu nehmen zu zwei Fragen: (1) Gibt es ein Risiko und um welches handelt es sich? und (2) Wenn ja, wie groß ist das? Erst dann kann man vernünftig entscheiden, was zu tun wäre, um zu schützen.

Auf die erste Frage “Gibt es ein Risiko?” ist die Antwort im bestmöglichen Tweet-Stil: “Möglicherweise”, wenn es um Hirntumore geht. Und diese Einschätzung ist nicht einmal sicher. Um es mit Luhmann, einem berühmten Soziologen, zu sagen. Die Sache ist kontingent. Über Kontinenz sagt Luhmann: “„Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist, sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Volksmund würd dazu sagen, nichts Genaues weiß man nicht. Deshalb kann man auf die Frage nach der Größe des Risikos nur eine hypothetische Antwort geben. Denn wir bewegen uns im Reich der Möglichkeiten.  Damit wäre auf die Frage, was man tun sollte, um sich zu schützen, eine Gegenfrage angemessen: Warum sollte man sich vor einem Risiko schützen, das nur in der Möglichkeit existiert? Kann man tun, muss man aber nicht.

Soweit die Theorie. Die ist zwar – wie immer – im Prinzip richtig, bringt aber in vielen Fällen nichts. Denn die Wirklichkeit ist keine Volkshochschule. Und damit meine ich: Wir leben – zumindest in Bezug auf die Risikokommunikation – in einem postfaktischen Zeitalter. Entscheidend sind Gefühle und Stimmungen, nicht wissenschaftliche Evidenz, nicht Fakten und Daten, wenn es um die gesellschaftliche Entscheidung geht, ob etwas ein Risiko ist oder nicht. Das ist aber nicht deswegen so, weil die Menschen in unserer Gesellschaft angeblich nur noch Infotainment mögen und Aufklärung und die damit erforderliche Anstrengung des Verstandes wie der Teufel das Weihwasser vermeiden, sondern eben vor allem wegen des – ich will es hier einmal so nennen – populistischen Diskurses über Risikofragen.

Um welchen Populismus geht es? Und wie konfiguriert er sich bei der Risikokommunikation zum Mobilfunk? Die Antwort in Kurzform: Es geht um Moralisieren, um Diskreditieren und um Pauschalieren, manchmal auch, und das ist der worst case, um Verschwörungstheorien.

Zuerst zum Moralisieren in der Risikokommunikation. Moral zieht eine Grenze zwischen Gut und Böse. Sie markiert das Helle gegen das Dunkle. Die Aufrechten gegen die Schurken. Und Moral braucht keine wissenschaftlichen Argumente, sondern bestenfalls Vorurteile. Die Guten in der Debatte um die Risikofrage  sind die Warner und die potenziellen Opfer. Die Bösen, das ist die Industrie und deren willige Helfer. Somit ist jede Risiko-Warnung moralisch. Jede Position, die davon abweicht und gar Risiko-Entwarnung gibt, steht unter dem Vorwurf, unmoralisch zu sein. Jedenfalls, wenn es um den Mobilfunk geht. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man aber vor Moralisieren  bei der Risikokommunikation warnen. Das Moralisieren von Positionen macht Debatten zu unversöhnlichen Konflikten. Denn über Moral kann man nicht streiten. Wissenschaft wird so überflüssig. Wer aber auf Vernunft und auf einen rationalen Diskurs setzt, muss deshalb die moralische Rede tunlichst vermeiden.

Populismus in der Risikokommunikation arbeitet aber nicht nur mit Moralisieren. Eine weitere Kommunikationsfigur ist das Diskreditieren. Der unter Verdacht stehende Risikoträger, zum Beispiel eine Höchstspannungsleitung, wird zum Angstobjekt gemacht. Das Rezept ist so simpel wie wirksam: Konzentriere Dich auf die Studien, die auf ein Risiko deuten und ignoriere, wenn nötig, die mangelnde wissenschaftliche Qualität solcher Studien. Zuerst kommt also die Position „Das ist kreuzgefährlich!“ und dann die Auswahl der wissenschaftlichen Evidenz.

Ich komme nun zum letzten Punkt, dem Pauschalieren bei der Risikokommunikation. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Tochterorganisation der WHO, hat 2011 die hochfrequenten elektromagnetischen Felder, die auch der Mobilfunk nutzt, als “möglicherweise krebserzeugend” bewertet. Dabei geht es um Hirntumore.  Sind diese nun durch alles und jedes bedingt, was hochfrequente elektromagnetische Felder emittiert? Neben dem Handy, auch durch den Router, das iPad und andere kabellose Geräte mit Kommunikationsfunktion? Nein, das ist nicht der Fall. Es geht allein um die Handys. Die IARC weist in ihrer Presseerklärung von 2011 darauf hin, dass nur die Handy-Exposition eine Bewertung zulässt. Für Basisstationen gibt es gar keine Daten, die eine Einordnung als “möglicherweise krebserregend” rechtfertigen würden. Und selbst in Bezug auf das Handy wäre zu differenzieren. Schaut man sich den Datensatz der Interphone-Studie an, die maßgeblich für die IARC Bewertung ist, so fallen einige Besonderheiten auf. Eine durchschnittliche Nutzung des Handys führt nicht zu einem erhöhten Tumorrisiko. Und noch erstaunlicher ist es, dass eine moderat erhöhte Handnutzung das Tumorrisiko verringert. Es ist eben alles etwas komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Damit will ich nicht sagen, dass es keinerlei Risiken geben könnte. Risiken kann man prinzipiell nicht ausschließen. Aber diese Tatsache sollte nicht als Risiko-Argument allein für den Mobilfunk genutzt werden. Sie gilt grundsätzlich, immer und überall.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Wie Wutbürger ticken

Was macht Großprojekte so mühsam? Sie passen nicht mehr in die politische Landschaft sagen die Einen. Ihr Nutzen ist fraglich und zurecht machen Betroffene dagegen Front. Die Anderen beklagen die Sklerose der Demokratie und wünschen sich Beschleunigungsgesetze und Entbürokratisierungs-Initiativen für die rasche Umsetzung von Infrastruktur-Projekten. Großtechnik perdu oder Demokratie ade? Ist das die Wahl?

Aber, es geht nicht nur um Großprojekte; die Kalamitäten beginnen schon bei geringeren Anlässen. Widerstand regt sich, wenn eine Stromtrasse in Sichtweite geraten soll, eine Entsorgungsanlage geplant wird oder eine Einrichtung des offenen Strafvollzugs. Eine Schulreform wird bekämpft, wenn sie der Bürgerschaft nicht in den Kram passt.

Verrückte Welt: Politiker protestierten gegen die Bürgerschaft wie in Insel, einem Ortsteil von Stendal. Hier gingen Landtags-Abgeordnete aller Fraktionen auf die Straße, für das Bleiberecht von zwei entlassenen Sexualstraftätern und damit gegen die Ortsansässigen, die diese nicht in ihrem Dorf haben wollen. Auch das Finanzamt spielt mit. Spenden für Bürgerinitiativen sind jetzt auch steuerlich absetzbar, darauf verwies – nicht ganz uneigennützig – eine Bürgergruppe in Niedersachsen, die ein Asphaltmischwerk verhindern will. Ist Protest der Volksport im Lande der Ego-Demokraten? Sind die Hemmschwellen niedriger geworden? Und hat sich der kollektive Gefühlshaushalt verändert, wie uns die Diagnose „Wutbürger“ suggeriert, die im „Spiegel“ für das Protestvolk vorgeschlagen wurde?

Es ist offensichtlich, dass Gefühle Politik machen und Politik mit Gefühlen gemacht wird, Wut, ist übersteigerter Zorn, der auch edle Gründe haben kann. Was aber macht Bürger so rasend? Woher kommt die gesteigerte Erregbarkeit?

Ein Blick auf den Wandel der Öffentlichkeit ist ein brauchbarer Anfang. Twitter und Internet machen es heute auch kleinen Gruppen leicht, ein Anliegen aufzubauen und Unterstützer zu gewinnen. Journalisten oder andere Gatekeeper, die bislang den Zugang zur Öffentlichkeit regulierten, haben diesen privilegierten Status verloren. Das Smartphone in Kombination mit YouTube ermöglicht zudem eine allgewärtige Transparenz, nichts bleibt mehr verborgen. Alles kann in das Licht der Öffentlichkeit geraten. Um ein Anliegen in der Bevölkerung anschlussfähig zu machen, braucht es allerdings mehr als nur ein internetfähiges Kommunikations-Instrumentarium. Das Anliegen muss als berechtigt wahrgenommen werden. Dabei geht es eben nicht nur um Zahlen und Statistiken, um Kosten und Risiken eines technischen Vorhabens. Denn, wer kann diese schon zuverlässig bilanzieren und abwägen? Kaum ein Experte, und wenn, dann meldet sich schon bald ein anderer, der das Gegenteil begründen kann. Worauf kommt es unter solchen Umständen an? Auf Moral, denn für diese ist auch der Bürger kompetent.

Wie aber muss man sich diese moralische Kompetenz vorstellen? Die Vielfalt moralischer Urteile, im Prinzip eine unendliche Menge, baut auf einer begrenzte Anzahl von moralischen Grundregeln auf. Das jedenfalls ist die Erkenntnis einer Gruppe von Moralpsychologen um Jonathan Haidt. Sie gehen davon aus, dass es nur fünf verschiedene moralische Grundregelngibt, auf die sich alle moralischen Urteile zurückführen lassen. Menschen aller Kulturen bewerten Handlungen danach, (1) ob sie Schaden bewirken oder Leid lindern, (2) ob etwas fair oder ungerecht ist (3) ob man sich loyal oder illoyal verhält, (4) ob Respekt erwiesen wird oder nicht und schließlich (5) ob etwas rein oder unrein ist. Letztere Grundregel bezieht sich nicht nur auf Nahrungsmittel, sondern auch auf Personen und Verhaltensweisen.

In unterschiedliche Kulturen werden diese moralischen Grundregeln verschieden gewichtet. Brasilianer unterscheiden sich hier beispielsweise von US-Amerikanern und, so auch Perser von Schweden. Noch interessanter ist jedoch, dass die Differenzen innerhalb eines Landes zuweilen noch deutlicher sind. Darauf hin weist der Zusammenhang zwischen Moralität und politischer Position: Wenn Linke und Konservative moralisch urteilen, dann bevorzugen sie differente moralische Regeln. Linke betonen vor allem zwei moralische Grundregeln: Ob etwas Schaden bewirkt oder Leid lindert und ob etwas fair oder ungerecht ist. Für Konservative sind jedoch alle fünf moralische Grundregeln bedeutsam. Für sie gelten auch Autorität, Loyalität und Reinheit. Einer Gesellschaft wie der deutschen, die in den letzten Jahren stärker nach links gerückt ist, geht es somit vor allem um Schadensvermeidung und Fairness. Ist damit schon der Wutbürger erklärt? Offensichtlich noch nicht. Es hängt vom Bezugsrahmen ab, der dabei aufgespannt wird. Lauten die beiden zentralen Fragen „Kann es mir schaden?“ und „Werde ich fair behandelt?“, dann kommen wir den moralischen Grundlagen der Wutbürgerschaft schon näher. Und im Übrigen: Was Gemeinwohl ist und was purer Eigennutz ist heutzutage nicht mehr so leicht zu unterscheiden. Diese Unschärfe ermöglicht Anschluss. Denn eine moralische Bewertung gewinnt an gesellschaftlicher Überzeugungskraft, wenn sie verallgemeinert werden kann: Kein Risiko für mich und auch nicht für alle Anderen. Fairness für alle! So lässt sich auch das Sankt Florians Prinzip vergesellschaften.

Es bedarf keines großen Nachdenkens, um etwas als fair oder unfair oder als riskant und schädlich zu beurteilen. Moralische Urteile sind intuitive Urteile. Das zeichnet nicht nur den Wutbürger aus. Nicht von ungefähr singt die psychologische Forschung seit einigen Jahren ein Loblied auf die Intuition. Es gilt als ausgemacht, dass weniger Wissen oft mehr ist und in vielen Situationen zu besseren Entscheidungen führt. Im Alltagsdenken folgt daraus, dass rationales Abwägen als kalt und herzlos verstanden wird und sich kaum irgendwelcher Sympathien erfreut. Diese Tendenz illustriert eine vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach eingesetzte Frage. Hier wird folgende Szene beschrieben: In einer Bürgerversammlung argumentiert ein Wissenschaftler mit Statistiken, um zu zeigen, dass von einer Technologie – sagen wir Biotechnologie – keine Risiken ausgehen. Da springt ein Zuhörer auf und sagt „Was interessieren mich Zahlen und Statistiken. Biotechnologie macht mir einfach Angst. Die Befragten haben anzugeben, wem sie Glauben schenken. Eine klare Mehrzahl stimmt dem Zwischenrufer zu, dem auch mehr Sympathie geschenkt wird. Bauchgefühl gewinnt gegen Expertise.

Wo Moral sich auf Schadensvermeidung und Fairness reduziert, dort lockert sich auch die Selbstkontrolle. Denn Rücksicht und Respekt zählen kaum noch, nicht gegenüber dem System, das – so wird es von den Wutbürgern wahrgenommen – herzlos die Belange der Bürger ignoriert. Damit einher geht die Entwicklung einer Emotionsordnung, die es gut heißt, Gefühle auszuleben. Lass deinen Ärger und deine Wut raus, das ist gesund! Gefühle sind zudem identitätsstiftend. Wer fühlt, der spürt sich selbst. Und Gefühle verstärken sich in der Gruppe. Das gilt auch für moralische Gefühle. Der Wutbürger hat Recht, weil ihm das seine Gefühle sagen und weil es so auch von seinesgleichen empfunden wird. Höre auf dein Bauchgefühl, so heißt das moralische Grundgesetz des Wutbürgers. Argumente werden nur nachgeschoben.

Damit wird deutlich, wie schwierig die Kommunikation mit dem Wutbürger ist. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments, so wie Habermas hofft, nützt wenig. Denn es geht nur vordergründig um Geltungsansprüche, die zu prüfen wären. Es dreht sich alles um Gefühle, um moralische Gefühle. Denen kommt man mit Argumenten nicht bei. Deshalb sind Information und Aufklärung, und das hat sich leider noch nicht überall herumgesprochen, wohl kein Erfolgsweg.

„Die Ängste der Bürger verstehen“ ist eine Allerweltsformel der Politik. Hilft solche Empathie? Nur bedingt, denn beim Verständnis kann es ja nicht bleiben. Es geht um mehr, um kluge Lösungen, zumindest aber um Kompromisse. Moral ist aber, und darauf hat der Soziologe Niklas Luhmann hingewiesen, kaum kompromissfähig. Moral reduziert die Komplexität anstehender Entscheidungen auf einfache Positionen; etwas ist moralisch vertretbar oder eben nicht. Darüber lässt sich nur bedingt verhandeln. Ethik, so Luhmann, müsse deshalb vor Moral warnen.

Kann das Vertrauen der Wutbürger zurückgewonnen werden? Vielfach wird dieser Weg beschworen. Aber, wenn die eigenen Gefühle mehr zählen als fachliche Argumente, warum sollte man Experten dann vertrauen? Vertrauen zu schaffen ist außerdem nur bedingt möglich. Denn Vertrauen setzt die Wahrnehmung von Loyalität voraus. Eine Bürgerschaft, die den Staat als illoyal wahrnimmt, vertraut diesem nicht. Dafür gibt es gute Gründe, so könnte man argumentieren. Aber der Vertrauensverlust ist grundsätzlicher. Loyalität ist eine Tugend, die dahinschwindet und an deren Stelle Nutzenkalkulation getreten ist. Soziale Flexibilität ist Trumpf. Langfrist-Bindungen werden durch Networking ersetzt. Eingegangene Allianzen dauern in der Regel nur solange wie sie Vorteile versprechen. Vertrauen gerät so zu einer Variable. Sie als politikstabilisierende Konstante zu beschwören ist zwar verständlich, macht aber wenig Sinn. Bürgerbeteiligung ist somit die Ultima Ratio. Sicher ist, wer keinen Zuspruch voraussetzen kann oder wenigstens Toleranz und wer nicht mehr die Macht hat, ein Vorhaben durchzusetzen, der muss verhandeln. Die Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Gemeinsinns und das Beharren der Beteiligten auf ihren Partikularinteressen macht es aber nicht einfach.

Was bleibt? Offenbar nur provisorische Lösungen. Von jedem etwas? Am Vertrauen arbeiten, Verständnis zeigen, Aufklärung leisten und Mitentscheiden lassen? Ohne eine Besinnung auf die Tugend pragmatisches Handeln, auf die Sachlichkeit, ist jedoch kein Dialog möglich, macht Aufklärung keinen Sinn und bleibt Empathie folgenlos. Damit sind wir bei Max Weber angelangt, der die Verantwortungsethik über die Gesinnungsethik stellt. Und genau darum geht es. Verantwortung zu befördern heißt eben auch, sich kritisch mit den emotionalen Wurzeln der Wutbürgerschaft und ihren kognitiven Defiziten auseinanderzusetzen. Das Angebot aber, sich zusammenzusetzen und zu verhandeln, aus Moral-Konflikten wieder Sachprobleme zu machen und das Pro und Kontra der  verschiedenen Lösungsoptionen zu erörtern, muss von einer Politik kommen, die selbst die Verantwortung Ernst nimmt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Risikofallen

Die Deutschen werden so alt wie nie zuvor. Andererseits werden ständig neue Risikopotenziale entdeckt, und man gewinnt den Eindruck, dass das Leben immer mehr Risiken birgt. Wird also das Leben tatsächlich immer riskanter oder wird es sicherer?

Mehr: http://www.eugt.org/index.php/risikobewertung.html

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Erst kommt das Fressen, dann die Moral? Risikokommunikation für die Lebensmittelbranche

In einer perfekten Welt würde es keinen Streit über Risikoinformationen geben. Denn kluge Wissenschaftler, vorsichtige Unternehmer, risikomündige Verbraucher, unaufgeregte Nichtregierungs-Organisationen sowie Journalisten, denen es allein um die Wahrheit geht, würden es dazu gar nicht erst kommen lassen. Dem ist aber nicht so; die Welt ist nicht perfekt.

 

In der Wissenschaft kommt der zwanglose Zwang des besseren Arguments nicht immer zum Zuge. Unter Unternehmen gibt es schwarze Schafe. Bürgerinitiativen bauschen zuweilen Phantomrisiken auf und Medien überzeichnen aus Sensationsgier Risiken zu Risikoplagen. Auch reicht das Risikowissen der Verbraucherinnen und Verbraucher selten aus, um angemessene Entscheidungen zu treffen. Unter solchen Bedingungen ist Risikokommunikation schwierig und kann paradoxe Wirkungen haben.

Weiter siehe: https://www.researchgate.net/publication/268523343_Erst_kommt_das_Fressen_dann_die_Moral_Risikokommunikation_fur_die_Lebensmittelbranche

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Wie kann man „möglicherweise krebserregend“ besser kommunizieren?

Begriffe wie „möglicherweise“ oder „selten“, die Wahrscheinlichkeiten beschreiben, werden in der Bevölkerung ganz unterschiedlich interpretiert : Studien zeigen, dass solche Begriffe wenig Orientierung bieten und damit zu deutlicher Über- oder Unterschätzung der Beweisstärke für eine krebsauslösende Wirkung führen.

Ein vom Wissenschaftsforum EMF (siehe www.wf-emf.org) entwickelter Ansatz soll  helfen, die Bedeutung der Gefahrenbewertung eines Stoffes – z.B. als „möglicherweise krebserregend“ – besser zu verstehen.

Vorgeschlagen wird, die folgenden Informationen zu vermitteln: Das Ziel der Bewertung, den Aufbau des Bewertungssystems, die Rechtfertigung der Bewertung sowie eine Klärung der vorliegenden Einschränkungen.

EIP Broschüre

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Umfrage zur Interpretation der IARC-Bewertung

Im Frühjahr 2012 hat ein Online-Survey an der Universität Innsbruck (N= 1841) interessante Einsichten erbracht. Es ging darum, wie Nicht-Experten die Pressemitteilung der IARC zur Einstufung des Handy-Telefonierens als „möglicherweise krebserregend“ verstehen. Dazu hier eine Kostprobe, die zeigt, wie unterschiedlich das Verständnis ist. Im Mittel wird „möglicherweise krebserregend“ interpretiert als  32%  sicher, dass Krebs auftreten wird.  Die Varianz ist aber hoch und zwischen 0% sicher und  100%  sicher ist fast jeder Wert möglich.


Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Nachhaltigkeit – ein missverstandener Begriff

Nachhaltigkeit: Ein missverstandener Begriff

Kaum ein anderer Begriff unserer Zeit ist so von einhelliger Zustimmung umzingelt, wie die Nachhaltigkeit. „Nur Gutes“, stellt Peter Wiedemann deshalb auch gleich zu Beginn unseres Gesprächs fest, bedeute der Begriff für die Menschen unserer Zeit. Die sanfte Ironie, die dabei mitschwingt, muss man allerdings mitlesen. Nur Gutes?

Da kann doch was nicht stimmen… Ein klärendes Gespräch dazu mit Prof. Dr. Peter Wiedemann, geführt von Gernot Wüschner.

Was versteht man als gemeiner Mensch unter Nachhaltigkeit?

Nur Gutes. Es ist einer der leuchtenden Begriffe dieser Zeit. Nachhaltigkeit ist Weg und Ziel zugleich. Sie gibt  die Richtung vor auf  etwas, was alle wollen. Nachhaltigkeit  hat die Errichtung eines Öko-Paradieses als letztes Ziel. Das ist, glaube ich, Konsens. Aber damit hört es dann auch schon auf, weil die verschiedenen Akteure und Gruppierungen dieser Gesellschaft offenbar kein gleiches Verständnis von Nachhaltigkeit haben und zweitens auch verschiedene Wege sehen, wie sie zu erreichen ist. Zum Banner „Wir tun Gutes“ stehen wir alle.

Die breiteste Definition wird wohl sein, dass es um ein langfristig angelegtes Handeln geht?

Ja, Nachhaltigkeit hat immer eine Zeitperspektive. Das nachhaltig agierende Unternehmen, das sich für längere Zukunft am Markt sieht, ist dafür ein Beispiel.

Also Nachhaltigkeit in dem Sinne: Wir wollen so wirtschaften, dass wir uns nicht zugrunde wirtschaften. Gleiches gilt für die Gesellschaft, die eine nachhaltige sein will. Motto: Wir wollen nie zugrunde gehen; eben der Traum vom ewigen Leben.

Bedeutet Nachhaltigkeit nicht auch die Bereitschaft zur Beschränkung?

Mitgedacht ist das natürlich. Es lassen sich drei Nachhaltigkeitsmodelle unterscheiden. Zunächst einmal das Wirtschaftsmodell. Es ist zweitens ein Gesellschaftsmodell. Und es ist drittens das Modell für eine bestimmte Lebensweise. Das alles wirkt zusammen. Beschränkung betrifft alle drei erwähnten Modelle. Wobei ich anmerken möchte, dass wir uns das Wirtschaftsmodell von der Forstwirtschaft abgeschaut haben. Jedenfalls wird dieser Bezug mit seiner selbst auferlegten Beschränkung gerne zitiert: Man soll nicht mehr Bäume schlagen als nachwachsen. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die nachhaltige Forstwirtschaft erst dann Realität wurde, als man das Holz nicht mehr in dem Ausmaß brauchte, weil man auf einmal auf die fossilen Brennstoffe zurückgreifen konnte, auf die Kohle …

Die Beschränkung wurde durch die fossile Energiealternative erst möglich?

„Wir verzichten“ ist ein Vorsatz, der angesichts dringlicher Ziele schnell vergessen ist. Da ist es gut, einen Weg zu finden, der unsere moralische Stärke nicht ganz so unerbittlich auf die Probe stellt. Moral hilft nur so lange, wie das Fleisch nicht schwach wird.

Wenn man die forstwirtschaftliche Nachhaltigkeit heute betrachtet, dann scheint sie unerbittlich an die Anti-Wachstums-Idee gebunden zu sein. Mehr Holz, als auf der bestehenden Waldfläche nachwächst, gibt es nicht.

„Wir wollen nachhaltig werden“, heißt im Grunde ja: Lasst uns sparen, lasst uns unseren ökologischen Fußabdruck reduzieren. Die Spuren, die wir auf dieser Erde hinterlassen, sollen minimiert werden. Wir wollen weniger „Eindruck“ machen. Das ist die Beschränkung. Wie die Entwicklung dann aussieht, scheint weniger klar zu sein.

Können wir mit weniger mehr erreichen?

Alle Technologien, die man einsetzt, um mit weniger mehr zu erreichen, stellen uns vor die Frage, ob das, was sie leisten, auch wirklich reicht. Nach dem Motto „Wie wäre es mit dem 3-Liter-Auto? Aber wäre ein 2-Liter-Auto nicht besser und ein 1-Liter-Auto nicht noch besser?“ Und dann die entscheidende Frage: Oder gar kein Auto? Sollte sich das Leben nicht besser im Kopf abspielen und nicht auf der Straße? Zugespitzt heißt die Frage dann auf einmal: Mobilität oder Mediation?

Bei der Sonnenenergie deutet sich ein paradiesischer Hoffnungsschimmer an. Wenn Desertec in der Sahara produziert, haben wir eine nie versiegende Quelle. Ist es dann vorbei mit der Energieknappheit?

In der Tat, das ist die Frage: Gelingt der Ingenieurskunst die Quadratur des Kreises? Können wir nachhaltig leben, ohne verzichten zu müssen? Kaufen wir uns nicht andere Nachteile damit ein? Verschieben wir nur die Probleme? Indem wir den Mittelmeerraum und den halben afrikanischen Kontinent überwachen müssen, um damit die Energiezufuhr zu sichern? Mit einer ähnlichen Denkfigur hat ja vor Jahren der Philosoph Meyer-Abich über den Atomstaat räsoniert. Er glaubte, dass die Demokratie durch die pure Existenz der Atomkraftwerke beschädigt wird. Denn der Schutz vor Terrorismus würde zwangsläufig diese Republik zu einem feudalen Festungsstaat machen.

Wie organisiert man Nachhaltigkeit?

Hier geht es um das Gesellschaftsmodell, das ich anfangs erwähnt hatte. Denn Nachhaltigkeit ist ja nicht nur eine Frage der Minimierung des Stoffwechsels mit der Natur. Wie ich solche Prozesse gesellschaftlich gestalte, ist ja noch offen. Welche gesellschaftlichen Bedingungen brauche ich dazu? Geht es am besten mit einer Ökodiktatur? Oder hilft ein aufgeklärter Monarch? Oder ein Vielparteienstaat?

Muss das technokratisch organisiert werden, kann es basisdemokratisch sein?

Bis heute gibt es darauf keine klaren Antworten. Natürlich wünscht sich keiner eine Diktatur. Aber viele der Vorschläge sind Nirwana-Modelle. Man hofft sich die Zukunft schön.

Die nachhaltige Versorgung mit Energie bringt also Risiken ins Spiel?

Risiken sind im Grunde unvermeidbar. Das gilt immer, auch für die Energie-versorgung. Man kann es drehen und wenden wie man will, auch Nachhaltigkeit kann die prinzipielle Risikolastigkeit nicht aufheben. Durch Wünschen und Wollen lässt sich eben kein Risiko vermeiden. Es kommt deshalb immer darauf an, die Option zu wählen, die die geringsten Risiken aufweist. Man könnte dagegenhalten und meinen, dass das Zurückschrauben von Ansprüchen und Bedürfnissen – Meditieren statt Konsumieren – einen Ausweg bietet: Wer nichts will, der geht auch keine Risiken ein.  Aber ist das so? Meines Erachtens hängt das von der vorhandenen materiellen  Ausstattung ab. Im Eigenheim meditiert es sich besser als im Zeltlager. Um es ganz deutlich zu machen: Fasten ist keine Ernährungsgrundlage, jedenfalls nicht auf Dauer.

Die Risikobereitschaft, die bisher bei der Energieversorgung immer dazugehörte, wurde in den letzten Jahren erheblich strapaziert. Stichwort: Bohrturmdrama im Golf von Mexiko oder die Atommeiler von Fukushima. Beides – Erdöl und Atom – galten einmal als nie endende Energiequellen …?

Die vielen Ingenieure, die angetreten sind, um etwa die Kernkraft auf den Weg zu bringen, haben fest daran geglaubt, dass sie wirklich Gutes für diese Welt tun. Die müssen von dieser Welle des Protestes und der Empörung, die über sie hinwegrollte, völlig erschüttert worden sein. Es war ja auch wirklich eine unglaubliche Euphorie, die die damals angestrebte friedliche Nutzung der Atomenergie begleitet hat. Aber auch die karbonfreie Gesellschaft, die heute propagiert wird, ist wiederum das Paradiesische.

Die Verbindung von Nachhaltigkeit und Innovation war rückblickend gesehen immer eine mehr oder weniger riskante. Ist das bei den erneuerbaren, schadstoffarmen Energien vorbei?

Früher schien die Idee von grenzenloser Energie-Verfügbarkeit durch Atomkraft gesichert. Heute stehen Sonne, Wind etc. an ihrer Stelle. Aber die Frage der Risikolosigkeit ist damit nicht gelöst. Dort, wo nicht mehr nur Nachhaltigkeit werden, sondern auch noch Entwicklung sein soll, dort kommt immer Risiko ins Spiel. Wenn ich die Dinge nicht so behalten will, wie sie sind, wenn ich neue Horizonte setze, wenn ich neue Wege gehen will, dann gehe ich immer in das Ungewisse hinein, das ich noch nicht verstehe, dessen Folgen ich noch nicht kenne. Das heißt, ich kann heute nicht wissen, was ich zukünftig wissen werde. Wohl aber kann ich versuchen, die möglichen Folgen zu bedenken. Und die können eben auch negative sein. In diesem Sinne ist Risiko ein Erwartungskonzept, das jede Entwicklung begleiten sollte.

Welchen Einfluss auf die Qualität des Risikos hat der Kontext der Nachhaltigkeit?

Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass im Kontext der Nachhaltigkeit das Risiko keinen Platz hat. Jedenfalls nicht in der Binnenperspektive der Nachhaltigkeits-Ideologie. Dort wird ja gefordert, nur Entwicklungen einzugehen, die nachhaltig sind. Nach dem Motto: Wir prüfen das, wir haben entsprechende Roadmaps, wir haben begleitende Forschung, wir entwerfen Technologien so, dass die neue Entwicklung von vornherein nachhaltig ist. Das ist der Plan.

Ein Plan, der viel Zustimmung erfahren wird …

Natürlich ist es ein wunderbarer Plan, das ist doch keine Frage. Wer will sich denn gegen einen solchen Plan stemmen und sagen, wir brauchen Störfälle? Aber das, was man erhofft, ist noch lange nicht das, was sich einstellt. Es gibt von Wolf Biermann ein Stück, das heißt „Der Dra-Dra“, und es gibt hier ein Schwein, das sich in einem aussichtslosen Kampf für Niederlagen ausspricht. Das verstört die übrigen Tiere zutiefst. Und dann sagt das Schwein: Es geht um kluge Niederlagen; Niederlagen, deren Ursachen man ergründen kann. Nur die bringen weiter. Auch kluge Risiken können die Entwicklung voranbringen. Wenn wir jetzt auf nachhaltige Entwicklung zurückkommen, dann ist natürlich der Plan, alles zu bedenken, erst einmal ein guter Plan. Es kann aber schiefgehen, und hin und wieder ist das unausweichlich. Jetzt komme ich mit Brecht und sage: „Ja, mach nur einen Plan und sei ein kluges Licht und mach noch einen zweiten. Gehn tun sie beide nicht!“ Die Möglichkeit des Scheiterns ist nicht auszuschließen, auch bei guten und klugen Plänen. Und das muss man einfach mitbedenken. Das Risiko bleibt Bestandteil. Es kommt zurück, es lugt in einer gewissen Weise hinter dem klugen Plan arglistig hervor, um sich in Szene zu setzen.

Ich spiele jetzt auch mal das Kluge-Niederlagen-Schwein und sage, lass uns doch alle gemeinsam schön arm werden, aber sagen wir – ärmer, als wir jetzt sind. Es muss ja nicht immer höher, schneller, weiter gehen. Es könnte doch alles nur auf den Erhalt ausgerichtet sein.

Schwerlich – diesen defensiven Vorstellungen kann ich keinen Charme abgewinnen. Dazu fällt mir ein Bild ein, das mir bei der Lektüre der Zeitgeistpresse hängen geblieben ist. Der Kapitalismus wird dort mit einem Radfahrer gleichgesetzt, der immer weiterfahren muss, sonst fällt er um. Kapitalismus braucht Bewegung, braucht Dynamik. Er kann nicht stehen bleiben.

Ein Nachhaltigkeitsmodell, wie das der Forstwirtschaft, sitzt nicht auf einem solchen Fahrrad. Es ist ein statisches Modell, in dem sich Risiken abbauen lassen.

Der Wald ist die Wiederkehr des Gleichen. Was vorher Buche war oder Eiche oder Fichte, wird wieder Buche, Eiche oder Fichte; da kommt kein Wunderbaum hervor, es wird auch kein Hase daraus. Das ist Kreislaufwirtschaft vom Besten, eben der Tritt auf der Stelle. Da bewegt sich alles im Kreise.

Wahrlich kein dynamisches, ein sich aus sich heraus bewegendes Modell?

Nein. Entwicklung heißt ja auch Innovation und Innovationsfluss. Das ist ja das, was den Radfahrer in der Bewegung hält. Wir sind eben immer unterwegs nach dem Neuen. Und damit sind nicht nur die Technologien gemeint, die Kinder der alten sind, sondern es kommen auch sehr radikale Veränderungen, auf die wir auf unserer Tour durch die Zeit stoßen. Wie war es denn vor 20 Jahren ohne Internet und ohne Handys? Hätten wir uns damals vorstellen können, wie Kommunikation heute ist? Da ist doch etwas passiert, das so nicht vorhersehbar war: Es gibt keine gesellschaftliche Vernunft, die alles überschaut; keinen noch so guten Plan, der alles voraussieht. Auch nicht für die Risiken, die mit Umbrüchen verknüpft sind. Aber sollte man deswegen vom Fahrrad steigen?

Nein, aber vielleicht könnte man sich doch das Prinzip der Nachhaltigkeit, das wir in den deutschen Wäldern gefunden haben, mitnehmen und auf den Gepäckträger schnallen.

Mein Plädoyer ist Folgendes. Die Risikobehaftung zukünftiger Entwicklung ist zwangsläufig, gleichgültig, ob wir nun die Augen davor verschließen oder nicht. Immer, wenn eine Wahl ist, etwas zu tun oder zu lassen, werden Risiken bewirkt, jenseits unseres Willens, diese Sachlage anzuerkennen oder nicht. So bleibt allein die Einsicht: Welche Art von Progression in die Zukunft, begleitet von welchen Risiken, brauchen wir? Wie gestalten wir das Eingehen von Risiken? Welche Wachttürme benötigen wir, um den Zukunftshorizont zu erweitern?

Die uns sagen, welche Risiken uns zu weit aus dem Thema Nachhaltigkeit heraustragen?

Sie sprechen mit dieser Frage den Risikoappetit an, den eine Gesellschaft hat. Tatsächlich kann man sich – um im Bild zu bleiben – da schwer den Magen verderben. Da kommt man unwillkürlich auf die Idee – die in unserer Zeit nicht sonderlich gemocht wird – , dass die guten Dinge in der Mitte liegen. Das Maß der Dinge, die Balance, die man haben muss, ist im Kult der plakativen Positionierung und Übertreibung gesellschaftlicher Ideen verloren gegangen. Um nur ein – wenngleich ganz anderes Beispiel zu nennen: Unter Exzellenzcluster geht heute in den Universitäten nichts mehr. Das hat auch nicht gewollte Nebeneffekte! Das Rennen um Exzellenz führt nicht nur zu Verlierern, sondern auch zu Blendern. Wenn man anders mit Risiken umgehen will, muss man über eine Haltung nachdenken, die sich zum Mittelmaß bekennt.

Das passt zum Bedürfnis der Entschleunigung …

… ganz richtig, wir müssen die Dinge langsamer angehen, auch um mehr Zeit zu haben zum Überlegen. Um in der Metaphorik des Risikoappetits zu bleiben: Wir müssen unseren Appetit zügeln und auf Leckerbissen warten. Zu großer Risikoappetit verdirbt den Magen, zu wenig davon kann zum Verhungern führen. Risiko und Nutzen sind miteinander gekoppelt. Dabei gibt es offenbar ein optimales Gleichgewicht. Ähnliches gilt auch für Nachhaltigkeit und Risiko. Um diese Balance zu finden, bräuchten wir eine neue Mentalität, die dem Nachhaltigkeitskitsch abschwört und versucht, eine risikofeste Nachhaltigkeit zu denken.

Es geht um eine optimale Geschwindigkeit, die unser kapitalistisches Fahrrad am Laufen hält, aber nicht schneller, als es laufen muss

… wie kriegen wir diesen optimalen Punkt? Wer zu schnell beschleunigt, gerät auch unter die Räder, wie man allenthalben sehen kann. Wer aber gar nichts tut, kommt nicht von der Stelle. Sie sehen, das hat mit der Unausweichlichkeit von Risiken tun. Das ist der Grundgedanke, den wir auch akzeptieren müssen, wenn es um Nachhaltigkeit und damit Eintritt in eine bessere Zeit geht. Es wird nie ohne Stolpern gehen. Das muss man sehen. Das Stolpern muss eingerechnet werden, das ist wichtig. Nur wer stehen bleibt, stolpert nicht.

Die Versicherer gehen den Risikoweg ja auf ihre Weise, rein ökonomisch. Sie beteiligen sich weniger am Hochriskanten und umso mehr an dem Wenigriskanten. Dazu kommt dann das Prinzip der Risikostreuung.

Wir begeben uns jetzt wieder auf die Suche nach dem rechten Risikopfad. Das heißt, Versicherungen ermöglichen Risiken. Alles ist eine Frage der Risikoprämie. Bin ich versichert, kann ich mehr riskieren. Falls mir dann doch etwas passiert, kann ich wieder aufstehen.

Die Versicherung unterstützt das unternehmerische Wagnis?

Ja. Der Unternehmer auf dem Seil weiß unter sich ein Netz, das ihn auffängt. Leichte Blessuren sind immer noch möglich, aber fatale Folgen sind weitgehend ausgeschlossen.

Indem der Versicherer unternehmerische Wagnisse abdeckt, wird er doch automatisch ein Risikobeschleuniger. Wie kann er denn dann noch für sich in Anspruch nehmen, Nachhaltigkeit zu unterstützen?

Man bräuchte eine Anleitung, die sagt, wo das Sicherheitsnetz zurückgezogen werden sollte und wo es aufzuspannen wäre. Darum geht es. Um bei der Fahrräderei  zu bleiben: Wo sollte ich beschleunigen? Und wo auf die Bremse treten? Hier wäre ein echter Bedarf an Nachdenken und Kommunikation. Was findet man stattdessen?

Nachhaltigkeitskitsch! Das öffentliche Gerede über Nachhaltigkeit gleicht manchmal einem Gartenzwerg, der vor einer Güllegrube steht. Nachhaltigkeit soll die Welt nur schöner scheinen lassen. Dann gibt es keine Widersprüche, keine Ecken und Kanten; nur geistig leicht verdauliche Kost und die Absolutsetzung des Gutgemeinten .

Wir fassen uns an den Händen und hoffen, dass nun alles gut wird. Es ist wohlgemerkt nichts Falsches, sich Gutes zu wünschen. Aber ein falscher Optimismus kann schaden, wenn das Wünschen zu kurz greift und Schein-Lösungen generiert, an denen man klebt. Und dieser Optimismus-Fehler macht uns in einer gewissen Weise blind für die Herausforderungen, die wir noch zu bewältigen haben. Er macht töricht.

Erliegen Versicherungen dem Nachhaltigkeitskitsch nicht auch, wenn sie sich überbemüht an der Klimaproblematik „abarbeiten“?

Das Klimathema ist für manche Versicherungen in der Tat ein Sprachrohr zur Gesellschaft. Aber die ideologisch korrekte Rhetorik „Wir bauen unsere Häuser klimaoptimiert, nutzen Sonnenenergie und nennen es Nachhaltigkeitsprogramm“ hilft nicht wirklich. Wenn es das Einzige ist, was Versicherungen zu verkünden haben, dann ist das zu wenig. Auch das Zusammenrechnen von Naturkatastrophen, die dann dem Klimageschehen zugerechnet werden, reicht nicht aus. Versicherungen werden damit ihrer Aufgabe als Risikosteuerer nicht gerecht. Sie sollten auf das aufmerksam machen, was wir abwägen sollten, um einen vernünftigen Risikokurs zu halten.

Wenn es kein letztgültiges Risiko-Nachhaltigkeits-Gesetz gibt und wir uns mit Aristoteles und seiner „goldenen Mitte“ begnügen müssen, geht dann den Versicherern nicht der Stoff aus?

Man kann den Blick nach vorn richten. Das wäre die Erkundung der Zukunft. Etwa wie jetzt bei der Euro-Rettung. Was wäre hier der rechte Risikopfad? Was risikofeste Nachhaltigkeit? Aber: Können wir weiter vorausschauen, als wir bislang konnten? Ich würde mir wünschen, dass die großen Rückversicherungen einmal ihre Kapazitäten bündeln, um Risiko-Szenarien zu entwickeln, die die Wege zu einer nachhaltigen Gesellschaft ausleuchten. Was hindert sie eigentlich daran?

Da müssen Sie aber nicht zur Rückversicherung gehen, da können Sie gleich die Politik fragen.

Richtig, aber hatte die westdeutsche Politik auf Vorrat gedacht, als die deutsche Wiedervereinigung vor der Tür stand? Hatte man Pläne, wie man die Wirtschaft im Osten transformieren sollte? Wusste man 1989, wie man die Währungsunion am besten macht? Oder ist Politik vorangestolpert? Vorausdenken ist das, was ich anmahne. Das ist nicht das Primat der Politik. Das zweite Beispiel: Die deutsche Politik ist doch von den Ereignissen in der arabischen Welt überrannt worden. Man hat doch mit allem gerechnet, aber nicht damit, was dort passierte. Müssen wir nicht die Instrumentarien des Vorausblickens verbessern? Müssen wir nicht bessere Brillen haben für die Zukunft? Ich glaube, dass die Rückversicherungen hier eine Aufgabe haben.

Wo ist der Punkt in der Nachhaltigkeitsthematik, wo wir sagen, hier müssten wir eigentlich drehen? Wo ist der eigentliche Tipping Point?

Meines Erachtens geht es dabei eher um mentale als um materielle Aspekte. Also, nicht so sehr um die Frage „Wo reduziere ich Stoffströme?“, sondern darum: Wie verändere ich gesellschaftliche Haltungen? Wir hatten die Idee des rechten Risiko-pfades schon diskutiert. Wie kann eine Gesellschaft die Balance zwischen notwendiger Risikoneigung, schöpferischem Umbruch und Bewahren halten? Das wäre ein solcher Dreh- und Angelpunkt.

©  Gustav Fischer Verlag


Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Die Tücken der Risikokommunikation. Wie die IARC besser über das mögliche Krebs-Risiko durch Handynutzung informieren könnte

Das internationale Amt für Krebsforschung IARC, eine Organisation der Weltgesundheitsorganisation WHO, hat im Mai  2011 die Exposition mit elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks bei Handy-Nutzung als „möglicherweise krebserregend“ für Menschen eingestuft. Sie verweist dabei auf einen 40% Anstieg des Risikos für Gliomen, d.h. für eine bestimmte Klasse von Hirntumoren.

In der Presseerklärung der IARC(1) finden sich dazu folgende Aussagen:

„The WHO/ International Agency for Research on Cancer (IARC) has classified radiofrequency electromagnetic fields as possibly carcinogenic to humans (Group 2B), based on an increased  risk for glioma, a malignant type of brain cancer, associated with wireless phone use.“

Und weiter:

„The Working Group did not quantitate the  risk; however, one study of past cell phone use (up to the year 2004), showed a 40%,increased risk for gliomas in the highest category of heavy users(reported average: 30 minutes per day over a 10 year period).“

Ist das gute Risikokommunikation? Wohl eher nicht, denn drei Sachverhalte bleiben unklar. Zum einen wird nicht gesagt, was „möglicherweise krebserregend“ bedeutet. Ohne eine Orientierungshilfe, z.B., indem angegeben wird, was denn noch als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft wurde, können sich Nicht-Experten schwerlich ein angemessenes Bild von der Risikolage machen.

Zum anderen bleibt offen, wie die 40% zu verstehen sind. Die Frage ist: 40% von was? Um Prozentzahlen richtig verstehen zu können, müsste eben auch angeben werden, wie häufig eine solche Tumorerkrankung auftritt. Erst dann lässt sich die Prozentangabe einordnen.

Schließlich wäre mitzuteilen, was wir über Risikofaktoren für Gliomen wissen. Es ist ja durchaus wichtig zu wissen, ob andere Faktoren eine größere Rolle bei der Entstehung von Gliomen bilden.

Was wäre also zu tun? Der IARC  ist zu empfehlen, folgende  Informationen zu ergänzen:

Die Klasse 2b – möglicherweise  krebserregend  für den Menschen“ – trifft auch für Kaffee-Säure zu, die in Kaffee-Getränken enthalten ist. Darüber hinaus wäre es hilfreich, wenn man weiß, dass alkoholische Getränke als „krebserregend“ eingestuft sind.

Zudem ist klarzustellen, auf welche Art von Krebs sich die Einstufung bezieht, und ganz wichtig, wie häufig diese Krebserkrankung in der Bevölkerung ist. Dazu ist Folgendes zu sagen: In Deutschland gibt es jährlich etwa 5-6 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner (2) an bösartigen Gliomen. Eine 40% Erhöhung würde so etwa 2 zusätzliche Fälle pro 100 000 Personen ausmachen.

Schließlich ist das Verhältnis zu anderen Risikofaktoren darzustellen. Risikofaktoren, die eine wesentliche Rolle für die Entstehung von Gliomen spielen sind hohes Alter, Vererbung (genetische Veranlagung) und hohe Belastung mit ionisierender Strahlung (Strahlung von radioaktiven Materialien). Für diese drei Risikofaktoren liegt eine Erhöhung des Erkrankungsrisikos von mehr als 200% vor(3).


Literatur

(1) IARC classifies Radiofrequency Electromagnetic Fields as possibly carcinogenic to humans. Press release 31/05/2011: http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2011/pdfs/pr208_E.pdf

(2) Nach  Informationen der Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), siehe http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-099.html

(3) Bondy ML, Scheurer ME, Malmer B, Barnholtz-Sloan JS, Davis FG, Il’yasova D et al. Brain tumor epidemiology: consensus from the Brain Tumor Epidemiology Consortium. Cancer Supplement 2008; 113(7): 1953-1968.

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar